Sonntag, 29. Mai 2011

Gipfelkreuz

Ich war gerade mit dem Hund spazieren, als ich einen Anruf von meiner Lektorin erhielt. Sie fragte: "Sitzt du?" und ich erwiderte: "Ja. Warum?" "Stell dir vor", sagte sie, "Wer Wind sät steigt auf Platz 1 in die Bestsellerliste ein!"

Wahnsinn. Irrsinn. Riesige Freude, bei mir, im Verlag, bei meiner Familie, allen Freunden. Und ich brauchte vierzehn Tage um Luft zu holen und zu begreifen, dass ich es tatsächlich geschafft habe, das Gipfelkreuz zu erreichen, das ich seit vielen, vielen Jahren ganz verschwommen oben auf dem Gipfel des Berges mit Namen "Bücherwelt" vor mir gesehen habe. Sehr oft war es von Wolken verborgen und eigentlich habe ich nie wirklich geglaubt, es eines Tages zu erreichen. Der Weg vom Tal den Berg hinauf war zwar beschwerlich, aber auch sehr schön.

Nun stehe ich hier, den Arm um das Gipfelkreuz gelegt und schaue hinab ins Tal. Ich sehe die verschlungenen, steinigen Wege, die Almhütten links und rechts des Weges mit ihren Verlockungen, ich sehe hinunter bis ins Tal, erkenne die Menschen, die nach oben schauen und auch so gerne hier wären. Viele von ihnen vergessen über ihren Traum vom Gipfelkreuz, dass es der Weg bis hierher ist, der wichtig ist. Ich möchte keinen einzigen Schritt missen. Ich weiß, wie beschwerlich es ist, bis hierher zu gelangen.

Die Luft ist hier oben dünn, der Blick hinunter jedoch glasklar. Ruhig ist es, nicht sehr bevölkert. Immer wieder kommt jemand Neues, ein anderer verabschiedet sich und macht sich wieder auf den Weg hinunter.

Auch ich werde nicht lange hier oben bleiben, auch ich werde mich bald wieder auf den Weg nach unten machen, aber beschwingten Schrittes, denn ich habe erlebt, wie es ist, ganz oben zu sein. Schön ist es. Einzigartig. Der Blick auf die anderen Berggipfel, auf andere Gipfelkreuze. Auch dort kein Gedränge. Ich begreife die Einzigartigkeit dieses Augenblicks, bin voller Dankbarkeit und Demut, dass es mir vergönnt ist, hier oben zu sein. Eine tiefe innerliche Zufriedenheit erfüllt mich, aber das Tal ruft. Nichts ist für immer und das ist gut so, denn wie könnte man den Gipfel genießen, wäre man immer hier oben?

Ich blicke mich um. Die Einsamkeit hier ist nichts für Feiglinge, der Weg nichts für Bequeme. Wer ihn aber geschafft hat, wer Schritt für Schritt den Weg nach oben gegangen ist und nicht einfach vom Hubschrauber Zufall oben abgesetzt wurde, der wird sein Leben lang davon zehren. Ich habe meinen Namen ins Holz des Gipfelkreuzes geschnitzt wie so viele andere vor mir und rüste mich für den Heimweg. Da unten im Tal wartet schließlich die nächste Herausforderung. Das nächste Buch, die nächste Idee. Ob sie mich wieder hier hochführen wird?

Ich werde bald aufbrechen, das Herz voller Eindrücke und mit dem Wissen, mit wessen Unterstützung ich diesen letzten, steilen Anstieg letztendlich geschafft habe. Aber ich weiß nun auch, wer mir Steine in den Weg gelegt hat, um das zu verhindern. Ich sehe alles ganz deutlich und danke innerlich meinen Freunden, meiner Familie, meinen vielen, vielen wunderbaren Lesern - all denen, die mir bis hierher verholfen und sich ehrlich mit mir gefreut haben.

Allen anderen begegne ich auf dem Weg nach unten sicherlich auch wieder, in den Biergärten und auf den Aussichtsterrassen der Almhütten auf halbem Weg, wo sie ihre Expedition zum Gipfelkreuz planen. In ganzen Gruppen versuchen sie es, sie schließen sich Bergführern an und verstehen doch nicht, dass es keine Strategie für den Weg nach oben gibt, keine Seilbahn und keine geführte Busreise.

Ganz unten im Tal, an der Talstation, drängen sich diejenigen, die nicht einmal den ersten Schritt gewagt haben, aber nur zu gerne mit Steinen auf die werfen, die wenigstens das getan haben.
Sie alle werden mir zuwinken und sich insgeheim diebisch freuen, weil ich wieder auf dem Weg ins Tal bin. Was sie nicht begreifen ist, dass es mir nichts ausmacht. Ich war ja schon oben. Und dieser Eindruck bleibt. Für immer.